Wenn plastische Chirurgie glücklich machen soll
Als eine Bekannte von mir sich die Nase brach und die wieder gerichtet werden sollte, fragte sie der behandelnde Arzt, wie sie ihre Nase denn gerne hätte und war dann beinahe entsetzt, als sie meinte: "Na, so wie vorher!" Er konnte sich einfach beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand eine kostenlose Schönheits-OP nicht für ein paar langersehnte Korrekturen nutzen will. Wie es scheint hatte er noch nie jemanden getroffen, der mit seiner Nase, so wie sie ist, zufrieden ist.
Das sagt viel über uns aus, wie ich finde. Offensichtlich ist die Grundhaltung der Bevölkerung, dass operative Eingriffe zur Verbesserung der äußeren Erscheinung gut, wenn auch oft unerschwinglich sind. Der kollektive Selbstwert ist anscheinend im Keller, fast keiner mag sich, wie er ist. Sätze wie "Nobody is perfect" und "Auf die inneren Werte kommt es an" scheinen nur für andere zu gelten, mit sich selbst ist man ungnädig. Warum? Kompensiert ein "verbessertes" Äußeres tatsächlich ein unzulängliches Inneres? Ist man mit sich und der Welt wirklich zufriedener, wenn man endlich keine Krähenfüße, Bauchschürze, Cellulite, Hühnerbrust oder Boxernase mehr hat? Oder gibt man mit einem Eingriff nur der Lüge recht, dass es allein aufs Äußere ankommt?
Ich bin sicher, dass niemand, würde er gefragt, behaupten würde, dass Schönheit einen wertvollen Menschen ausmacht. Und gerade da liegt der Widersinn. Wenn ich mich plastisch operieren lasse in der Erwartung, mich danach mehr zu mögen, was mache ich dann, wenn ich weiter altere, mein Bindegewebe wieder nachgibt oder ich, im schlimmsten Fall, einen Unfall habe? Weiter operieren? Wieder unters Messer, damit ich mein Spiegelbild ertrage? Dabei sagt mir mein Spiegelbild doch niemals, wer ich bin. Es weckt lediglich die Erinnerung an mich. Stellt eine Assoziation zu meinem Bild von mir her. Und die Veränderung des Spiegelbilds hat keinerlei Einfluss auf mein Bild von mir. Wenn mein Bild vom mir makelbehaftet ist, können diese Makel doch niemals durch plastische Chirurgie entfernt werden.
Kann ich einem schöneren Spiegelbild leichter vergeben, eine schlankere Figur leichter annehmen? Oder ist eher der Erfolg, etwas verändert, etwas geschafft zu haben, für die Begeisterung nach einer OP oder Diät verantwortlich? Eine Freundin von mir hat sich immer als größerer Erfolg gefühlt, wenn sie ihr Zimmer aufgeräumt hat. Ich fühle mich als toller Mensch, wenn eine Diät Früchte trägt. Joan Rivers legt sich seit 1965 regelmäßig unters Messer und behauptet, das sei gut für die Selbstachtung. Fragt sich nur, was sie da achtet. Die Fähigkeit, still zu liegen oder einen Verband um den Kopf zu ertragen? Oder die Beharrlichkeit, weiter an etwas rumdoktern zu lassen, das schon vor langer Zeit sein Erscheinungsbild verloren hat, alles in der Hoffnung, beim nächsten Blick in den Spiegel jemanden zu sehen, der wertvoll ist?