Das unvergütete Praktikum als Verlockung und Ausbeute. Wenn man brot- und aussichtslos arbeitet.
Kennt ihr diese Lehrer, die anscheinend schon jeden nur erdenklichen Job hatten, bevor sie Lehrer wurden? Unter meinen Lehrern gab es ehemalige Fabrikarbeiter, Laboranten, Busfahrer, Journalisten, Sozialarbeiter, Universitätsdozenten, Apotheker, Zeitungsjungen, Postboten und Musiker. Jetzt mal ganz abgesehen von den Massen an Kommunenbewohnern und Flugblätter-Verteilern. Und ich hab mich immer gefragt, wann in ihrem Leben sie dazu Zeit hatten, wo sie doch schon jahrelang zum Urgestein der Schule gehörten. In letzter Zeit habe ich allerdings festgestellt, dass sich solche Erfahrungen schneller anhäufen, als man denkt. Ich bin jetzt 26 und ich war schon Babysitter, Studentin, Putzfrau, Gesellschafterin, Fabrikarbeiterin, Kellnerin, Lektorin, Sekretärin, Praktikantin und habe in einer Druckerei gearbeitet, bevor ich zum Fernsehen kam. Was man nicht alles tut, um an Geld zu kommen. Zwischendurch war ich immer wieder kurz arbeitslos. In einer dieser Perioden wurde ich
einmal in ein vom Arbeitsamt unterstütztes Programm gesteckt, das mir ermöglichen sollte, ein Praktikum meiner Wahl zu absolvieren. In der Hoffnung, dass die Leute, bei denen ich praktiziere, mir danach einen Ausbildungsplatz anbieten. Und auf der Suche nach dem geeigneten Plätzchen für mich, bin ich auf eine Art der Ausbeutung in der deutschen Wirtschaft gestoßen, die grausamer kaum sein könnte: Das unvergütete Praktikum.
Fast jede Annonce, die einen Praktikumsplatz anbietet, legt als Dauer mindestens drei Monate fest und erklärt, dass das Praktikum unvergütet ist. Der Arbeitgeber winkt mit einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz, aber es ist ja allseits üblich, erstmal ein Praktikum zu absolvieren, doch nur keine Angst, man wird ganz bestimmt übernommen. Denken Sie doch an die Chance, die sich Ihnen bietet. Ergibt ja alles Sinn. Man sammelt Erfahrungen, lernt, praktisch zu arbeiten, gliedert sich ins Team ein und kann dann, frisch eingearbeitet, loslegen. Alles schick. So zumindest die Theorie.
Die Theorie versagt allerdings, wenn dieses unvergütete Praktikum, oder in höheren Kreisen Volontariat, für ein ganzen Jahr anberaumt ist, natürlich 40-Stunden-Woche mit Bereitschaft für Überstunden. Womit bezahlt man zum Beispiel in diesem Jahr Kost und Logis, wenn man weder Zeit noch Kapazitäten für einen Nebenjob hat, weil einem das Praktikum schon alles abverlangt? Und da man spätestens nach drei Monaten eingearbeitet ist, wie erträgt man den Frust, dass man Vollzeit arbeitet und nicht einen Cent dafür sieht? Und was, wenn man dann am Ende trotzdem nicht übernommen wird?
Im Hotel- und Restaurantwesen ist es üblich, im Sommer Praktika mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz anzubieten. Du fängst im Juni an zu arbeiten, im September wirst du übernommen. Praktisch, verständlich, gang und gäbe. Wenn man allerdings näher nachfragt, trifft man auf Leute, die in der Hoffnung, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ein Praktikum nach dem anderen machen und doch immer wieder kurz vor Ende der Praktikumszeit frist- und grundlos entlassen werden. Eine Freundin von mir war nach zahllosen Praktika so gut im Hotelfach, dass sie es sich irgendwann erlaubte, beim Vorstellungsgespräch auf ihre große Erfahrung hinzuweisen und darum zu bitten, das Praktikum nicht länger als einen Monat sein zu lassen. Ein Monat müsste schließlich reichen, um sich über ihre Fähigkeiten klar zu werden und sie mit dem Team vertraut zu machen. Daraufhin wurde sie nicht genommen. Anscheinend hatte sich das Hotel für länger eine Billigkraft erhofft.
Dieses ständige Schwanken zwischen Hoffen und Entlassung, im Wechsel mit immer neuen frustrierenden Gängen zum Arbeitsamt, macht selbst die zähesten Bewerber mürbe und nimmt selbst den ambitioniertesten Jobsuchern jeden Eifer. Kein Wunder, dass die Unis überlaufen, wenn das Warten auf einen Ausbildungsplatz so unerträglich ist. Leider hilft selbst ein abgeschlossenes Studium nicht. Denn das Feine an unserem Bildungssystem ist, dass man an der Uni zwar viel lernt, aber fast kein Hochschulstudium wirklich praxisnah ist. Weshalb einem Absolventen nichts weiter übrigbleibt, als, genau, ein Praktikum zu machen. Unentgeltlich versteht sich.
Mit der Arbeitskraft der Deutschen wird reihenweise Schindluder getrieben, dem Ochsen, der drischt, wird das Maul verbunden und so kann er nicht mal ob der Ungerechtigkeit schreien.