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Komasaufen auf Flatrate-Partys
Die Jugend säuft sich besinnungslos

Obwohl Studien belegen, dass der Alkoholkonsum in Deutschland zurückgeht, erschrecken Medien und Politiker immer wieder über totgesoffene 16jährige. Im Allgemeinen wird weniger getrunken, aber wenn, dann mehr. Ist es so schlimm, in Deutschland aufwachsen zu müssen, dass regelmäßiges Komatrinken der einzige Ausweg ist?

Ich mag Alkohol nicht so gern. Ich kann das Brennen im Hals nicht leiden, wenn man Wein, Bier und Konsorten runterschluckt. Und eigentlich stört mich das nicht. Ich bin eh immer eher der ironische Beobachter auf Partys, anstatt "jede Menge Spaß zu haben" und dann erstmal vor Scham zwei Wochen lang nicht mehr unter Leute zu gehen. So bin ich eben. Ich sehe alles und weiß am nächsten Tag noch alles, was die, die Alkohol mögen, im Rausch alles angestellt haben. Vielleicht begrüßten es deshalb einige meiner Bekannten so, als sich tatsächlich ein alkoholisches Getränk fand, was ich freiwillig trank. Die vielgeliebten, schwerkritisierten Alkopops. Die schmecken nämlich nicht nach Alkohol, deswegen schmecken sie mir.

Alkopopsteuer und ihre Folgen

Das genau ist ja aber ihr Gefahrenpotential. Sagte sich auch die Regierung und erfand die Alkopopsteuer. Seitdem kosten Alkopops rund einen Euro mehr und werden somit zu einem Luxusgut. In der Hoffnung, dass der Preis Minderjährige abschreckt und dem hohen Alkoholkonsum bei Jugendlichen eindämmt. Saufende Jugendliche haben mich also um mein einziges alkoholisches Vergnügen gebracht. Ich könnte mich nun zurücklehnen und mich in der Gewissheit sonnen, dass mein Opfer der Gesundheit Deutschlands zuträglich war. Aber nur, wenn die Aktion wirklich zum erwünschten Ziel gekommen wäre. Ist sie aber nicht. Die Steuer hat nicht genug abgeschreckt. Die Jugend weicht auf andere Getränke aus und besäuft sich weiter bis zur Besinnungslosigkeit. Sogar mehr denn je, wenn man Statistiken glauben darf. Es scheint, als würden nur noch jene Jugendlichen trinken, die keinerlei eingebaute Regulierungssysteme den Konsum von legalen Rauschmitteln betreffend haben. Einfach ausgedrückt: Es fangen nur die an zu trinken, die nicht wissen, wann man aufhören muss.

Genetisches Saufen

Die Frage ist nur, warum? Warum säuft man sich zu? Warum hört man nicht auf, wenn man voll ist? Ich habe mich mal schlau gemacht, was die Geschichte des Komasaufens angeht. Offiziell ist Komasaufen ein möglicher Höhepunkt einer Saufparty. Früher hießen Saufpartys Trinkgelage und wurden oft zu Ehren von Gottheiten abgehalten. Die Germanen, also unsere Vorfahren, waren sogar davon überzeugt, dass das Leben nach dem Tod eine einzige Saufparty ist. Vielleicht trinken die deutschen Jugendlichen deshalb soviel? Weil es quasi in den Genen liegt? Aber dann müssten sich ja alle daran beteiligen. Und außerdem ist in der germanischen Mythologie zwar von Trinkgelagen die Rede, aber nicht davon, sich auf die Intensivstation zu saufen. Früher oder später hat bei Diskussionen dieser Art immer irgendwer die Idee, dass es wohl Gruppenzwang sein muss, der die Jugendlichen zur Flasche greifen lässt. Genetisch kann dieser Gruppenzwang allerdings nicht sein, denn die Germanen haben ja zu Ehren von Gottheiten getrunken, nicht, um das eigene Image aufzubessern. Also ist es vielleicht stinknormaler Gruppenzwang? Liebe Erziehungsberechtigte: Gruppenzwang ist keine Generalerklärung. Wenn ein Fünfzehnjähriger sich beispielsweise innerhalb seiner Clique genötigt fühlt, Alkohol zu konsumieren, ist das Gruppenzwang. Wenn er aber so lange weitermacht, bis er von einem Arzt den Magen ausgepumpt bekommt, ist das dämlich. Dem Gruppenzwang leistet er da schon längst nicht mehr Folge. Alle, die ihn drängen könnten, können zu diesem Zeitpunkt eh schon nicht mehr gerade stehen und sind somit keine Gefahr mehr und können erst Recht keinen mehr unter Druck setzten.

Wieso bis zum Exzess?

Bleibt also nur die Schlussfolgerung, dass diese Jugendlichen tatsächlich die Besinnung verlieren wollen. Aber warum? Was sind klassische Motive für zügellosen Alkoholkonsum? Auch hier habe ich mich schlau gemacht. Klassische Gründe, zur Flasche zu greifen, sind seelische Probleme wie Liebeskummer, emotionaler Stress, familiäre Dramen, Frust im Job und dergleichen. Alles eigentlich zeitlich begrenzte Ereignisse. Liebeskummer geht vorbei, mit dem Job geht's irgendwann wieder aufwärts, die Zeit heilt alle Wunden und so weiter. Alles nicht Grund genug, jedes Wochenende so viel zu trinken, dass man am Sonntagabend nicht mehr rekapitulieren kann, was seit Freitagabend passiert ist. Es gibt aber auch gesamte Berufszweige, die Tendenzen zum Alkoholismus haben. Zum Beispiel habe ich gehört, dass Bergbauarbeiter regelmäßig trinken. Und ich habe auch eine Erklärung dafür gehört: Da die Männer den ganzen Tag unter Tage arbeiten, fehlt ihnen das Sonnenlicht, das der Körper braucht, um Endorphine, also Glückshormone, freizusetzen. Deshalb suchen sie sich nach der Arbeit Ersatz für das fehlende Glücksgefühl. Aber unsere Jugend arbeitet nicht unter Tage. Kann also nicht damit zusammenhängen. Sitzen sie vielleicht emotional die ganze Woche im Dunkeln? Oder befinden sie sich in einer Art Dauer-Stress-Zustand, den sie nur betäuben können, dem sie aber nicht entkommen? Wenn das so ist, ist es kein Wunder, dass erhöhte Steuern und alle Aufklärungsarbeiten zu nichts führen. Denn wenn man saufen will, schrecken einen auch keine überteuerten Getränke oder Fotos von zerstörten Lebern ab. Da hilft nur, tiefer nach den Ursachen zu graben, mal ernsthaft nach Beweggründen fragen und sich nichts von Partylaune und allgemeiner Heiterkeit vormachen lassen. Ich bin überzeugt, dass jeder trinkbegeisterte Teenager irgendetwas hat, das er im Alkohol ertränken will, auch wenn es den Anschein hat, als wären nur Oberflächlichkeiten die Motive.

Schokolade ist gut gegen Zähne und Alkohol ist gut gegen Gehirnzellen. Wenn wir nicht wollen, dass Deutschland verblödet, sollten wir anfangen, uns um die Krankheit zu kümmern, anstatt Gesetze gegen die Symptome zu erlassen.

  

Quelle: questionlife

 
 
 
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Dorothea Lehmann
 
 
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